Vom Umgang mit Hörerfahrungen

In den intensiven Gesprächen mit meinen Kunden über Musik, Klang, Aufnahmen und Reproduktion der selbigen, werde ich immer wieder auf meine Ausbildung und Studium an der Hochschule für Musik, dem „Mozarteum“ in Salzburg angesprochen, und in wie weit mich das in meinem Hören beeinflusst und prägt.

Nun, das ist wirklich nicht leicht zu beantworten, denn Hörgewohnheiten unterliegen einem ständigen Wandel der Wahrnehmung, der Emotion und nicht zuletzt der Laune!

Vielleicht ist es an dieser Stelle interessant einmal auf ein solches Musikstudium, wie es einmal vor 30 Jahren die Regel war zu blicken.

Man studierte 4 Jahre Grundstudium und anschließend noch einmal 3 Jahre Hauptstudium, in welchem man sich auf eine spezifische Richtung konzentrieren konnte, In meinem Falle war das entweder die Opernklasse, oder das Konzertfach mit Lied und Oratorium.

Die zu absolvierenden Fächer waren sehr vielseitig und intensiv:

  • zunächst natürlich Harmonielehre, Gehörbildung, Instrumentenkunde, Musikgeschichte, Akustik, Stimmkunde, Werk- und Stilkunde etc. welche als theoretische Grundlagen allgemein gefordert waren. Hinzu kamen dann noch die sogenannten praktischen Fächer neben dem Hauptfach Gesang:
  • also Klavier, Atemlehre, Gymnastik, Theatertanz, Schauspielunterricht, Bühnenfechten, Ensemble (also gemeinsames Musizieren in kleineren Gruppen), Chor, Sprecherziehung und nicht zuletzt das lernen von Italienisch und Französisch!
  • Sie sehen also, das waren Ganztagsjobs mit bis zu 42 Semesterwochenstunden!

Heutige Studenten träumen von so einer umfangreichen Bildung, doch Bologna hat die Stundenpläne extrem ausgedünnt und Studienzeiten halbiert.

Nun, es dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass derartige Bildungschancen ihre Spuren hinterlassen. Mehr noch das , was ja nun Ziel und Zweck des Ganzen ist, der Beruf, die Arbeit auf der Bühne und im Konzertsaal! Hier ist der Musiker, der ja ganz ohne technische Hilfsmittel auskommen muss und die Klangbalance mit Orchester, Pianisten und Kollegen in der stets veränderten Akustik des Raumes suchen muss, hier ist das Gehör in besonderem Masse gefragt, die Konzentration auf das Ganze, auf Klangfarbe, Dynamik, Rhythmik (Timing), Intonation und die Balance des Ganzen….Ein extrem feines, fragiles Klanggewebe entsteht!

So verlässt der Dirigent schon mal das Podium während einer Probe, übergibt an seinen Assistenten, und wandelt durch den Konzertsaal oder durch das Theater, setzt sich mal hier, mal dort hin und lauscht, ob die Klangbalance stimmt. Anschließend geht er zurück aufs Podium und nimmt notwendige Korrekturen vor.

Das Hören verändert sich, die Herangehensweise ist nüchterner, objektiver, also professioneller als beim Laien.

Nun ist aber die entscheidende Frage: hört ein klassisch studierter, professioneller Musiker besser?

Ich sage einmal vorsichtig jaein. Unzweifelhaft hört ein so gebildetes Ohr struktureller, farbgetreuer, und sicher auch fokussierter. Dennoch bleibt die Frage, wie sieht das mit elektronisch produzierter Musik aus. Rock, Pop, Techno bedürfen der elektronischen Verstärkung und Abmischung am Pult. Es gibt also ganz andere Hörerfahrungen, die eine Rolle spielen….

Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück, zur Frage, ob mich dies in besonderer Weise für meine Beratungstätigkeit qualifiziert: ich meine ja, unbedingt! Ich stehe oft erstaunt auf Messen und Events, höre Verstärker, Lautsprecher und all die Zuspieler , und stelle überrascht aber auch all zu oft entsetzt fest, was soll all der Lärm? Hört ihr denn nicht? Was hat das mit Musik zu tun?

Die Königsdisziplin in der Vorführung ist das Orchester, die Oper ,das Klavier oder das Streichquartett. Wie schwingen Klänge aus, wie ist das Timbre, die Rhythmik die Atmosphäre…. Das Ganze!

Ich bitte herzlich, mich nicht arrogant verstehen zu wollen, es ist ja auch bei mit ein subjektiver Vorgang und jeder hört mit den eigenen Ohren. Doch auch Musikhören ist ein Entwicklungs- und Erfahrungsprozess , und genau da liegt die große Freude am Ganzen!

Ich freue mich auf viele neue Gespräche mit meinen Kunden, auf Diskussionen über Musik, Klang, Technik und Sinnhaftigkeit dessen. Sie sind herzlich eingeladen!

Herzlichst, Ihr Johannes Effertz-Wolff